Schicksale vertriebener Frauen - Kapitel 5{2}

Internierung zur Zwangsarbeit
Zwangsarbeit n Lager Potulice n andere Lager n Alter, Verhöre
Transport n Vergewaltigung n Überleben n Unterkunft
n Ernährung n Todesfälle

   
 


 

Internierungs- und Arbeitslager in den
Gebieten östlich von Oder und Neiße

Viele Deutsche - meist Frauen, Kinder und ältere Leute - wurden zwangsweise zum Arbeitseinsatz verpflichtet, in Arbeits- und Internierungslager gebracht oder aus angeblichen „Sicherungsgründen“ in die längst überfüllten Gefängnisse und Zuchthäuser eingeliefert. Als Sammelstellen für die Festgenommenen diente anfangs eine Vielzahl von Räumen in Gerichten und Polizeistationen, Luftschutzkellern, Rathäusern, Schulen und anderen größeren Gebäuden. Hier führte der polnische Sicherheitsdienst Verhöre durch, die meist nicht weniger brutal waren als die des sowjetischen NKWD, um vermeintliche oder tatsächliche Nazis und Kriegsverbrecher zu finden. Unter den Festgenommenen befanden sich freilich kaum höhere NS-Chargen, sondern zumeist nur einfache Mitglieder der NSDAP und von NS-Organisationen (wie BDM, HJ, NS-Frauenschaft, Arbeitsfront) oder Unschuldige und sogar in der NS-Zeit verfolgte Hitler-Gegner.

Wie der NKWD nutzte auch der polnische Geheimdienst Anlagen und Außenstellen nationalsozialistischer Konzentrationslager (wie Auschwitz, Birkenau, Jaworzno, Schwientochlowitz, Potulitz oder Kaltwasser). Insgesamt waren auf polnischem Staatsgebiet in den Grenzen vor 1939 - so das Ergebnis der Recherchen von Helga Hirsch in polnischen Archiven - rund 110.000 Personen in Lagern und Gefängnissen inhaftiert. Nach Schätzungen des Roten Kreuzes sind dort in der Zeit von 1945 bis 1949 etwa 22.500 Menschen ums Leben gekommen.

(vgl. dazu Helga Hirsch, Die Rache der Opfer. Deutsche in polnischen Lagern 1944-1950,
Berlin 1998, S. 203, 213, Anm. 34, 196)

68 der Frauen, die an der Fragebogenaktion teilgenommen haben, gehören zu dieser Gruppe der so genannten „Internierten“.

Ein Drittel der 68 internierten Frauen waren in Lager in Westpreußen gebracht worden. 16 von ihnen waren allein in Potulice bei Bromberg inhaftiert - einem früheren Außenlager des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig. In diese Baracken waren von 1941 bis zum Januar 1945 insgesamt 20.000 Häftlinge eingeliefert worden. Nach 1945 wurden dann 20.000 bis 30.000 Deutsche nach Potulice gebracht, die im Umkreis des Lagers arbeiten mussten. Kranke sowie Alte und Kinder blieben im Lager zurück. Im Dezember 1947 waren in Potulice ca. 24.000 Deutsche registriert, darunter 6.000 (d.h. ein Viertel Kinder). Dieses Lager ist wegen der grausamen Behandlung der Inhaftierten durch das Lagerpersonal, vor allem des Lagerarztes Ignacy Cedrowski berüchtigt.

Im Totenregister dieses Lagers sind über 3.000 Verstorbene verzeichnet. Schätzungen des Roten Kreuzes beziffern die Zahl der Toten auf etwa 3.500. Wie Helga Hirsch recherchierte, waren in den kleineren Nebenlagern wie Kaltwasser, Hohensalza, Krone u.a, deren Insassen 1945/46 nach Potulice überführt wurden, in der ersten Nachkriegszeit ebenfalls viele Menschen aufgrund von Hunger, Epidemien und der brutalen Behandlung durch das Wachpersonal gestorben.

(Vgl. dazu Helga Hirsch, Die Rache der Opfer. Deutsche in polnischen Lagern 1944-1950,
Berlin 1998, S. 99-150)

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